„Unzählige Menschen sterben und verschwinden leise…“

Bereits vor einem Jahr haben wir über einen Rettungseinsatz unserer Münchener Kollegin Clara Richter an Bord der „Lifeline“ im Mittelmeer berichtet. Die 25-Jährige arbeitet seit Mai 2017 in der Münchener Schutzstelle für Kinder „Zauberwald“ und hat inzwischen bereits an mehreren Rettungseinsätzen im Mittelmeer teilgenommen. 2016 verbrachte die engagierte junge Frau sogar einige Zeit als Freiwillige in den Flüchtlingscamps von Griechenland, bevor sie sich bei der Diakonie Rosenheim in der Jugendhilfe bewarb. Von Juli bis September dieses Jahres war sie nun erneut an einem Rettungseinsatz des Vereins „Mission Lifeline“ auf einem Seenotrettungsschiff im Mittelmeer beteiligt, von dem sie ihren Kolleg(inn)en zu Hause in Deutschland in einem offenen Brief berichtet:

„Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

am 22. Juli habe ich München erneut für einen Aufenthalt auf einem Seenotrettungsschiff verlassen. Der Verein ‚Mission Lifeline‘ hat ein neues Schiff gekauft, nachdem die ‚MV Lifeline‘ seit Juni 2018 im Hafen von Valletta / Malta festgehalten wird. Das neue Schiff soll ‚Eleonore‘ heißen. Fast einen Monat lang wurde dieser alte Schiffskutter von circa 30 fleißigen Händen zu einem Seenotrettungsschiff umfunktioniert. Zudem wurde ein ehemaliges DLRG-Schlauchboot für den Einsatz bereit gemacht.

Am 17. August verließ die ‚Eleonore‘ den Hafen und machte sich nach einem Tankstopp in Sardinien in die libysche ‚Search-and-Rescue‘-Zone auf. Die kleine ‚Eleonore‘ bietet nur wenig Platz und so hatten wir neun Crewmitglieder jeweils mehrere Aufgaben. Neben dem Kochen war ich als Rescue-Crew geplant. Meine Aufgabe würde es also sein, von unserem Rettungsboot mit den Menschen auf einem Schlauch- oder Holzboot zu kommunizieren und ihre Evakuierung auf die ‚Eleonore‘ durchzuführen.

Am ersten Morgen im Suchgebiet sah ich am Horizont etwas, das wie ein Schlauchboot aussah. Unser 1. Offizier bestätigte meinen Verdacht und wir machten uns auf den Weg dorthin. Schnell konnten wir durch die Ferngläser sehen, dass keine Menschen mehr im Schlauchboot zu sehen waren. Wir bereiteten uns also darauf vor, auf Leichen zu stoßen. Ein Fahrer, ein Funker, ein Journalist und ich als Rescue-Crew setzten uns in unser Rettungsboot und fuhren die letzten Meter zum Schlauchboot. Von fünf Luftkammern waren vier zerstört. Das Boot war fast komplett gesunken. Menschen haben wir keine sehen können. Eine NGO hat hier auf keinen Fall eine Rettung vorgenommen, da wir die Schlauchboote markieren, versenken und auch Vermerke in digitalen Seekarten machen. Die Menschen sind also entweder ertrunken oder zurück nach Libyen geschickt worden. Ich zerschnitt die letzte Luftkammer und das Schlauchboot sank. Wir markierten die Position in der Seekarte und fuhren weiter.

Nachts erhielten wir eine Meldung über ein Schlauchboot in dem Gebiet, in dem wir gerade waren. Wir suchten die ganze Nacht mit Ferngläsern und schalteten auch immer wieder die Maschine ab, um mögliche Geräusche zu hören. Wir konnten jedoch nichts finden. Geht man davon aus, dass die Meldung richtig war, ist auch der Verbleib dieser Menschen unklar. Eine Rettung durch eine NGO hat nicht stattgefunden. In diesem Abschnitt waren wir das einzige zivile Seenotrettungsschiff.

Am Morgen, wir hatten kaum geschlafen, erhielten wir eine Meldung über ein Schlauchboot mit etwa 60 Personen, darunter circa 40 Frauen und Kinder. Da die Position noch relativ weit von uns entfernt war, fuhren wir zu viert mit dem Rettungsboot vor. Wir gingen aufgrund der angegebenen Koordinaten davon aus, etwa 30 Minuten zu brauchen. Nach 15 Minuten erreichten wir ein Schlauchboot und ich begann mit der Kontaktaufnahme zu den Menschen an Bord. Es handelte sich um 104 Personen. Darunter keine Frauen und keine kleinen Kinder. Wir begannen mit der Rettung. Es war bereits eine Luftkammer geplatzt, aus einer weiteren trat Luft aus und während wir die Schwimmwesten ausgaben, platzte eine weitere Kammer. Nach kurzer Zeit traf ein Schiff der so genannten libyschen Küstenwache ein. Obwohl sie uns behinderten, schafften wir es, alle 104 Personen an Bord zu nehmen. Gefolgt vom libyschen Boot nahmen wir schnellstmöglich Kurs nach Norden. Unter den 104 geretteten Männern waren 28 unbegleitete Minderjährige. Der jüngste von ihnen war gerade einmal 13 Jahre alt – ein Kind. […] Sie erzählten uns, gemeinsam mit einem anderen Schlauchboot gestartet zu sein. Darauf seien etwa 60 Personen, darunter etwa 40 Frauen und Kinder, gewesen. Gemeinsam seien sie 2,5 Tage unterwegs gewesen. Nach acht oder zehn Stunden seien die Motoren ausgefallen. Sie seien über das Meer gedriftet […] und die beiden Boote hätten sich immer weiter voneinander entfernt. Irgendwann habe man auch nicht mehr über Rufe kommunizieren können. Auch über das Schicksal dieser 60 Personen ist uns nichts bekannt.

Das Deck der ‚Eleonore‘ beträgt 48 Quadratmeter. Somit hatte jeder unserer Gäste 0,46 Quadratmeter Platz – das genügte nicht einmal, damit alle ihre Beine ausstrecken konnten. Nachts haben wir jeden Winkel ausgenutzt, sogar zwei Personen in den Mast gebunden, um unseren Gästen irgendwie die Möglichkeit für ein wenig Schlaf zu bieten. In einer fünf Quadratmeter kleinen Küche habe ich auf zwei Herdplatten etwa 340 Mahlzeiten am Tag zubereitet. Die Menschen saßen und lagen auf Deck so eng, dass man dort nicht laufen konnte, ohne aufeinander zu treten. Die hygienische Situation war ebenfalls kaum tragbar. Es gab außerdem keinen Platz, um die 28 Minderjährigen vom Rest der Gruppe zu trennen, wie es eigentlich üblich ist.

Dass es auf der ‚Eleonore‘ in den folgenden Tagen dennoch nicht zu Konflikten und Krankheiten kam, verdanken wir der unglaublichen Disziplin unserer Gäste und einer riesigen Portion Glück. Denn trotz der beschriebenen katastrophalen Umstände gewährte Europa uns keinen sicheren Hafen. Seit dem Tag der Rettung, am 26. August, wurden wir acht Tage lang an einer Einfahrt in einen Hafen gehindert. Als uns die Lebensmittel ausgingen, wurde uns zunächst sogar eine Lieferung von Malta aus verweigert.

In der Nach vom 1. auf den 2. September kam schließlich schlechtes Wetter auf. Das Deck der völlig überfüllten ‚Eleonore‘ stand komplett unter Wasser. Das Schiff schwankte in den Wellen heftig. Wir waren alle bis auf die Knochen nass, obwohl wir unsere Gäste so schnell wie möglich unter Deck schafften. Dort saßen 104 Personen auf dem Boden, im Hospital, auf unseren Betten und sogar auf unserer Toilette. Sie hatten große Angst und viele wurden seekrank. Aufgrund der Enge und des starken Seegangs war es den meisten nicht möglich, zum Brechen auf Deck zu kommen. Die, die es schafften, mussten von uns festgehalten werden, um nicht über Bord zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt war der uns am nächsten gelegene Hafen Pozzallo auf Sizilien / Italien. Eine Einfahrt wurde uns zunächst jedoch verweigert. Nach vielen Diskussionen konnten wir gegen Mittag aber doch alle 104 Menschen in Pozzallo an Land bringen. Sie wurden dort auf unterschiedliche Camps verteilt. Portugal, Luxemburg, Irland, Frankreich und Deutschland haben eine Übernahme aller Personen zugesagt.

Eine Geldstrafe in Höhe von 300.000 Euro wurde gegen den Verein verhängt. Der Kapitän und unser 1. Offizier wurden wegen Beihilfe zur illegalen Einreise angeklagt. Die ‚Eleonore‘ ist nun beschlagnahmt und wird an der weiteren Rettung von Menschenleben gehindert.

In diesen Tagen wurden neben uns auch die ‚Mare Jonio‘ und die ‚Alan Kurdi‘ am Einlaufen in einen sicheren Hafen gehindert. Andere Schiffe werden seit Wochen, Monaten und Jahren am erneuten Auslaufen gehindert. Zwischenzeitlich befindet sich immer wieder kein einziges Schiff der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer. Somit gibt es für Flüchtende in der libyschen ‚Search-and-Rescue‘-Zone oft nur zwei Möglichkeiten: Ertrinken oder von der so genannten libyschen Küstenwache zurück in eines der libyschen Folterlager gebracht werden.

Und trotzdem werden sich weiter Menschen auf den Weg machen – getrieben von Verzweiflung, Angst und Hoffnung. Sie sterben und verschwinden leise, weil Europa seine Grenzen und seine Augen verschließt und die zivile Seenotrettung kriminalisiert.

[…]

Eure Clara“

 

Bildquelle: Johannes Filous